Im Abendmahl Gottes Nähe feiern

Mindestens einmal im Monat feiern wir im Gottesdienst das Heilige Abendmahl (in der Regel am 3. Sonntag im Monat, auf jeden Fall in der Osternacht, an Gründonnerstag, Karfreitag, Silvester, am Buß- und Bettag). Zum Abendmahl in unserer Gemeinde sind alle getauften Christen verschiedener Konfessionen eingeladen, in Begleitung der Eltern oder nach entsprechender Vorbereitung auch die getauften Kinder und Konfirmanden.

Wir pflegen verschiedene Formen des Abendmahls. Lesen Sie dazu die Gedanken zur Bedeutung des Abendmahls im nächsten Abschnitt.

 

 

Abendmahl – Gemeinschaft und Wegzehrung und vieles mehr

Das grüne Altarparament (Schmucktuch) der Matthäuskirche von Andreas Felger thematisiert die Feier des Abendmahls.

Wir in Matthäus feiern regelmäßig Abendmahl. Jeden Monat mindestens einmal.  Wir feiern das Abendmahl mitten im Gottesdienst. Das ist gut so, denn das Abendmahl ist ein Schatz, den wir bewahren, wenn wir ihn ausgeben und teilen. Möglichst oft und mit möglichst vielen Gästen. Aber wie feiern wir es richtig?

Das Abendmahl ist eines der beiden Sakramente der evangelischen Kirche. Das andere Sakrament ist die Taufe. Das Wort Sakrament heißt so viel wie Geheimnis und meint die geheimnisvolle Zuwendung Gottes zu einem Menschen. Und zwar sichtbar. Also: bei der Taufe wird sichtbar Wasser genommen, beim Abendmahl sichtbar Brot und Wein, und in diesen sichtbaren Zeichen spüren wir Gottes unsichtbare Gegenwart und Nähe.

Mehr noch, im Abendmahl berühren wir sozusagen mit unsern Händen Jesus Christus selbst. Wir nehmen ihn mit seiner ganzen Liebe in uns auf. Er verbindet sich mit uns leiblich. Und damit geschieht unendlich viel, nämlich Leben, Vergebung, neue Schöpfung, neues Vertrauen, neue Kraft und Stärke für den Alltag, Frieden und Gemeinschaft mit allen, die um den Tisch des Abendmahls versammelt sind, und manchmal auch Selbsterkenntnis und Umkehr.

„Bedeutungskosmos“

Kein Wunder reden Religionswissenschaftler davon, dass ein Sakrament wie das Abendmahl einen ganzen „Bedeutungskosmos“ enthält. Oder anders gesagt: das Abendmahl hat sehr viele und sehr verschiedene Bedeutungen.  Und das ist eine Chance für alle, die es mitfeiern. Denn für den einen ist an diesem Sonntag jene bestimmte Bedeutung wichtig, für den andern eine ganz andere.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, dass an dem einen Altar gleichzeitig ein glücklich verliebtes Brautpaar steht neben einem Konfirmanden, der gerade ein super Zeugnis bekommen hat, neben einem andern, der gerade Probleme mit seinen Mitschülern hat, neben einer Frau, die um ihren Mann trauert, neben einem Mann, der unheilbar krank ist, neben einem andern, der gerade geheilt worden ist, und so weiter. Und für jeden einzelnen enthalten Brot und Wein eine ganz persönliche Botschaft von Gott selbst, hier und heute.

Richtig feiern

Wie feiern wir das Abendmahl also richtig? Zunächst, indem es immer eine bestimmte Form mit bestimmten Worten und Zeichen hat. Verlässlich und klar und eindeutig soll es Abendmahl sein, nicht irgendein x-beliebiges Essen. Abendmahl ist keine private Veranstaltung der Matthäuskirche in Backnang, schon gar nicht des jeweiligen Pfarrers, sondern immer das Abendmahl der ganzen Kirche zu allen Zeiten und auf allen Kontinenten. Deshalb leiten auch Pfarrerin oder Pfarrer  im Auftrag der ganzen Kirche das Abendmahl. Und immer kommen die Einsetzungsworte von Jesus vor:
Der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward
und mit seinen Jüngern zu Tische saß,
nahm das Brot, sagte Dank und brach’s,
gab’s seinen Jüngern und sprach:
„Nehmet hin und esset;
das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.
Das tut zu meinem Gedächtnis.”
Desgleichen nach dem Mahl nahm er den Kelch,
sagte Dank, gab ihnen den und sprach:
„Trinket alle daraus;
das ist mein Blut des Neuen Bundes,
das für euch und für viele vergossen wird
zur Vergebung der Sünden.
Das tut zu meinem Gedächtnis.”

Wein und Traubensaft

Und dann gibt es viele Variationen, die Sinn machen. Wir in Matthäus feiern zum Beispiel in der Regel mit Wein und Traubensaft, weil nicht alle Menschen Wein trinken dürfen.  Und es besteht immer die Möglichkeit, aus einem großen gemeinsamen Kelch zu trinken, oder aus einem einzelnen kleinen Kelch.  Wir nehmen Rücksicht auf Menschen, denen es schwer fällt, mit andern aus einem Gefäß zu trinken. Alle sollen eben gerne und unbelastet teilnehmen können.

Der große Kelch betont die Gemeinschaft, das einzelne Glas die persönliche Zuwendung.  Und manche pflegen inzwischen die Form der Ostkirchen, das Brot in den Kelch einzutauchen (Intinktion), so dass der eine Kelch im Zentrum bleibt.

Und wer heute nur das Brot empfangen möchte, der empfängt im Brot alles. Denn auch die evangelische Kirche teilt die Lehre, dass das Brot als Leib Christi genügt. Der Leib enthält schließlich auch das Blut (Lehre von der Konkomitanz).

Drei Grundformen in Matthäus

Der Abendmahlsempfang kann dreifach geschehen. Eher selten feiern wir die so genannte Herrnhuter Form, bei der Brot und Wein in die Reihen gebracht und sitzend miteinander geteilt werden. Eine schöne Möglichkeit, sich wirklich gegenseitig Gottes Gaben zu reichen, von Nachbar zu Nachbar. Die ganze Kirche isst und trinkt und feiert gemeinsam!

Häufiger ist bei uns die Form, sich in Gruppen am Altar zu sammeln und die Gaben zu empfangen. Hier steht die Gemeinschaft im Vordergrund, die sich um die eine Mitte sammelt, symbolisiert durch den Altar, und dort Frieden, Versöhnung, Freude und alles Gute von Gott gereicht bekommt. Deutlich wird die  Versöhnung durch das abschließende Sendungswort, bei dem man sich die Hände reicht und versöhnt und gesegnet auseinander geht.

Bei großen Gottesdiensten wie Silvester oder mit viel Musik pflegen wir die dritte Möglichkeit, das Wandelabendmahl. Wir pilgern sozusagen zum Altar und empfangen dort Wegzehrung, Stärkung für das Gehen durch die Woche, indem wir unterwegs das Brot und den Wein empfangen.  Wir stehen auf, brechen auf, gehen unseren Weg, halten inne und öffnen uns, empfangen Brot und Wein - und schreiten dann weiter, nun aber gestärkt, innerlich und äußerlich erneuert und aufgerichtet. Das Wandelabendmahl ist gerade an Wendepunkten wie dem Jahreswechsel oder dem Buß- und Bettag ein starkes Symbol für das wandernde Gottesvolk.

Vielfalt macht Sinn

Weil ein Sakrament wie das Abendmahl einen eine ganzen „Bedeutungskosmos“ enthält, gäbe es noch viel zu sagen. So zeigen Pfarrerin oder Pfarrer, die vor dem Altar stehen und sich zu den Gaben umwenden, dass wir uns alle zu Gott hin ausrichten, wie am Opferaltar. Stehen sie dagegen hinter dem Altar, feiern sie bewusst Jesus Christus in der Mitte und sammeln die Gemeinde um das eine Zentrum, um den Tisch des Herrn.

Wer die Hände ineinander legt bildet eine Thron, um den Leib Jesu wirklich zu empfangen, wer das Brot selbst nimmt, eignet es sich bewusst an. Musik bei der Austeilung betont den Festcharakter und leitet zur Mediation an, Stille und Schweigen dagegen führt zur intensiven Sammlung und Konzentration. Viel  Licht betont Erleuchtung und Herrlichkeit, Dunkelheit und Kerzenschein dagegen das Geheimnisvolle und Besinnliche

Das ausdrückliche Schuldbekenntnis vor dem Mahl nimmt Schuld und Verletzungen ernst. Und die neue Freiheit durch Vergebung. Es gibt aber auch Abendmahlsfeiern wie bei der Konfirmation, die festlich-fröhlichen Charakter tragen, wo der Schuldgedanke nur in den Einsetzungsworten betont wird, nicht in einem besonderen Bußakt.

Ungesäuertes Brot macht die Verbindung zum Passah-Mahl Israels bewusst, dem Mahl der Befreiung, normales Brot bekräftigt die Symbolik der täglichen Lebensgrundlage, denn Jesus Christus ist das Brot des Lebens.

Ein Schatz

Wir in Matthäus feiern also regelmäßig Abendmahl. Und das in verschiedenen Formen. Das ist gut so, denn das Abendmahl ist ein so reicher Schatz, dass er niemals in einer einzigen Feier erfasst und ausgeschöpft werden kann. Genießen wir diesen Reichtum miteinander und immer wieder neu.

Pfarrer Hans Peter Weiß-Trautwein - aus dem Gemeindebrief "mittendrin" 2014